Nett sein oder dressieren: „Zeit Online“ über ABA

Diesen irritierenden „Zeit Online“-Artikel hat ja der Realitätsfilter schon sarkastisch auseinandergenommen. So schön demontieren kann ich ja nicht so gut, aber auch mir fallen dazu Dinge ein.

Der Titel ist, wie auch h4wkey3 anmerkt, aussagekräftig: „Bloß nicht zu nett sein!“. Das fügt sich in einen Erziehungstrend ein, in dem Strenge und Disziplin gefordert werden. Zum einen, weil es den Kindern (angeblich) guttut, sie erfolgreicher und glücklicher sind; zum anderen aber auch, weil es den Eltern (bestimmt) guttut: Zu Disziplin erzogene Kinder sind weniger anstrengend und peinlich in der Öffentlichkeit.

Um genau dieses Spannungsfeld geht es im Artikel auch. Hier wie bei anderen Erziehungs-Artikeln auch liegt der Schwerpunkt völlig auf den Erziehenden, in diesem Falle den Eltern; die Erzogenen, in diesem Falle die autistischen Kinder, kommen nicht zu Wort. In „Bloß nicht zu nett sein!“ wird zuallererst berichtet, was Johans Elterm für Probleme haben: Sie „kämpfen um Nähe“, die Mutter (natürlich die Mutter) gibt ihren Beruf auf, um sich um Johan zu kümmern, sie waren am Ende ihrer Kräfte, bevor sie ABA fanden. Wichtig ist ihnen, das man „etwas machen kann“, wenn nötig auch lange und intensiv. Um Johan selbst geht es gar nicht – man lernt ein wenig etwas über sein Verhalten und wie es sich durch die Therapie verändert hat, erfährt aber nicht, wie es ihm geht: Ist er zufriedener? Mag er mit Autos Geschichten spielen statt sie aufzureihen? Gefällt ihm der Kindergarten? Ist es für ihn wichtig, einen Freund zu haben? Diese Perspektive fehlt hier völlig.

Natürlich ist das grundsätzlich eine legitime Perspektive. Wir in Deutschland sind rückständig; die Eltern behinderter Kinder erhalten zu wenig Unterstützung, sind damit überfordert, und gerade Oberschicht-Eltern wie im Artikel beschrieben sehen sich hohem Erwartungsdruck ausgesetzt, was ihre Kinder angeht. Da muss man die Eltern unterstützen, keine Frage. Trotzdem sind aber ja primär dann doch ihre Kinder betroffen. Und im Artikel fragt man sich dann doch: Wem soll diese Therapie eigentlich helfen, den Kindern oder den Eltern?

Konditionierung (und nichts anderes ist ABA letzten Endes, ob man es „Dressur“ oder „Verhaltenstherapie“ nennt) funktioniert – und ist auch letzten Endes nicht so anders als die „normale“ Erziehung; auch da wird ja mit Wiederholungen und positiver/negativer Verstärkung gearbeitet. Für so manches ist sie auch eine sinnvolle Art, Dinge zu lernen: Wenn man Reaktionen eben automatisiert ablaufen lassen will oder umgekehrt andere Reaktionen nicht mehr. Wichtig ist aber doch die Frage nach dem Ziel: Um welche Reaktionen geht es, und warum möchte man sie automatisiert haben? Und gehört nicht trotzdem das „nett sein“ (seltsam, das die Leute, die kognitive Empathie „können“, sie auch nicht als natürlich, sondern als Extraleistung empfinden…) da zu – nämlich gerade das Erklären, das Einordnen, das klarmachen, warum etwas jetzt so gelernt wird? Bei mir selber war es so, dass ich „Erziehungsversuche“ im Hinblick auf Handgeben, Grüßen, Lächeln etc. bis ins späte Teenageralter völlig ignoriert habe – weil ich keine Ahnung hatte, wozu das gut sein sollte. Erst die Evolutionspsychologie/Soziobiologie brachte da Einsichten: Ach ja, das hat einen evolutionären Sinn, deshalb ist es wichtig. Damit war zum ersten Mal eine Motivation da, das Verhalten zu lernen. „Dressur“ brauchte es dann schon – damit ich in der Situation auch ans Verhalten denke.

Ein Beispiel ist auch der Blickkontakt, das Anschauen von Gesichtern statt anderen Dingen, das im Artikel auch einen hohen Stellenwert hat. Warum hat es den? Weil die NTs Blickkontakt brauchen. Weil sie sich unhöflich behandelt fühlen, wenn sie ihn nicht bekommen. Das könnte einem nun noch ziemlich egal sein – wichtig wird’s dann, wenn man auf gute Zusammenarbeit angewiesen ist, also z.B. im Beruf. Meist wird gerade auf fehlenden Blickkontakt schlecht reagiert, selbst wenn man bereit ist, ihn zu erklären. Wenn man also lernen kann, ihn zu simulieren, hilft das sicher im Alltag. Aber, und das ist wichtig: Nicht, weil es dem Autisten dann besser geht, sondern weil es seinem unflexiblen Umfeld besser geht. Die Therapie ist nur sekundär für den Therapierten, sondern mehr für sein Umfeld. Da kann man sich ja schonmal fragen, ob das sinnvoll ist. Gerade Augenkontakt ist ganz klar eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Was kostet es mich, was bringt es mir? Das möchte man nicht durch Konditionierung aufgezwungen bekommen, das möchte man selbst entscheiden. Aber um „selbst entscheiden“ geht es nicht und kann es auch nicht gehen – dafür müsste man ja die Autisten selber fragen, und das tut der Artikel eben nicht. Obwohl er die Jungen Johan und Jasper vor sich hatte. Und obwohl es sicherlich zumindest englischsprachige ABA-Erfahrene erwachsene Autisten gibt, die man hätte befragen können. Aber da müsste man ja mit Autisten sprechen statt nur über sie…

(Aber ganz ehrlich: Der Titel sagt wirklich alles. Wenn man nichtmal zu den eigenen Kindern nett sein darf, zu wem denn sonst?!)

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One Comment on “Nett sein oder dressieren: „Zeit Online“ über ABA”

  1. […] nach einem Artikel auf bei der Zeit vor kurzem andere gute und ausführliche Artikel geschrieben: Nett sein oder dressieren: “Zeit Online” über ABA bei fourierfilter, Wenn Festhalten als ABArtig empfunden wird bei quergedachtes, Ist das noch […]


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